Von der Praxis zur Theorie zur Praxis

Fünf Jahre Lesefeste der Schulbibliothek. Von Peter Schnaubelt

 

Ein Experiment in fünf Schritten, einer Vorgeschichte und einem Ausblick in die Zukunft, und dies alles als Wechselspiel zwischen Theorie und Praxis. Es begann mit meiner Ausbildung zum Schulbibliothekar, als sich die bevorstehende Pensionierung von Kollegin Hannelore Lazarus ankündigte. Kurse im Ausmaß von fünf Wochen, aufgeteilt auf einen Zeitrahmen von mehr als zwei Jahren, am Ende die Verfassung einer Seminararbeit. Und davor natürlich die Frage nach einem geeigneten Thema. Das sich aber wiederum angesichts meiner Erfahrungen als Autor von Kinder- und Jugendbüchern bei Lesungen in Schulen geradezu aufzudrängen schien: Lust am Zuhören, Lust am Lesen. Über die Bedeutung und Organisation von Autorenlesungen an Schulbibliotheken sollte mein kleines Elaborat heißen, wobei als empirische Vorgangsweise die Erstellung und Auswertung eines Fragebogens über die Erfahrungen und Empfehlungen von Autorinnen und Autoren diente, die diese bei Auftritten an Schulen gesammelt hatten. Summa summarum formulierte ich als Extrakt einen „Leitfaden für Autorenlesungen“, den ich seitdem auch wiederholt auf Seminaren für angehende Schulbibliothekarinnen und -bibliothekare vorgestellt habe.

 

Und dann, als ich an der Seite meiner Frau Brigitta Schnaubelt und Kollegin Brigitte Schram meinen Dienst als Bibliothekar an unserer Schule antreten durfte, die Idee, diese Erkenntnisse – die eigenen sowie jene der Befragten – an der Realität zu testen und in die Praxis umzusetzen: in Form eines Lesefestes der Schulbibliothek. Dieses fand zum ersten Mal im Mai 2012 statt. Bei der Auswahl der Gäste fischte ich der Einfachheit halber aus dem Reservoir an netten Bekanntschaften, die ich im Laufe der Jahre bei Lesungen gemacht hatte, zu denen ich selbst eingeladen war. Ich war gewiss, dass man mit Franz Sales Sklenitzka (Drachen haben nichts zu lachen – eine Originalzeichnung ziert seitdem unsere Bibliothek) und Jutta Treiber (Das Dazwischenkind), sozusagen zwei „Klassikern“, nichts falsch machen kann; als Dritten im Bunde kontaktierte ich Thomas Sautner, den Autor des besonders sprachlich überaus ansprechenden Romans Fuchserde, der angenehmerweise noch dazu in der Nähe lebt. Seine interessante Diskussion mit unseren ältesten Jugendlichen entwickelte sich in Richtung Zukunftstheorien und „gläserner Mensch“.

 

Im Schuljahr darauf wurde ich schon wagemutiger. Ich schrieb die Kinder- und Jugendbuchautorin Christine Fehér an, die in der Nähe von Berlin lebt; ich hatte sie zwei Jahre zuvor im Rahmen einer Veranstaltung in Villach kennen gelernt, bei der wir beide lasen. Der Aufwand rund um ihre Einladung war beträchtlich, das Resultat konnte sich aber sehen lassen. Gemessen an den Entlehnungen in der Schulbibliothek waren es ihre Lesungen, die bei unseren Dritt- und Viertklasslern augenscheinlich am besten angekommen waren. Für unsere jüngsten Schülerinnen und Schüler spielte Georg Bydlinski auf seiner Gitarre und reimte lustige Reime, und eine Absage erwies sich im Nachhinein als Glücksgriff: An Stelle von Krimiautor Thomas Raab wurde mir von der Agentur sein Kollege Stefan Slupetzky (Der Fall des Lemming) als Ersatz angeboten – und verstand es, die vollbesetzte Aula mit seinem mitreißend-sarkastischen Vortrag einer Geschichte aus der Jugend Adolf Hitlers in Lachstürme zu versetzen. Auch einen Fixtermin hatten wir mittlerweile gefunden: Der Tag vor dem Semesterzeugnis im Jänner als einer, an dem keine Prüfungen und Schularbeiten angesetzt sein konnten, sollte auch in den kommenden Jahren meine Planung erleichtern – wenngleich selbst dann leider nicht sichergestellt werden konnte, dass sich nicht andere Veranstaltungen in mein Konzept drängten.

 

Thomas Raab kam dann zu unserem Lesefest 2014 und wusste auf seine Art mit seinen Metzger-Krimis zu begeistern. Dass er den Namen seines Protagonisten von dem seiner früheren Studienkollegin Heidi Metzger-Schuhäcker entlehnt hätte, ließ sich jedoch nicht verifizieren. Autor Stefan Karch entführte unsere Jüngsten mit seinen selbst gebastelten Puppen in eine fantastische Welt voller Spannung und Spaß. Für ihn war unsere Schule ein bestens bekannter Ort, maturierte er doch 1987 am Aufbaugymnasium Horn. Er wurde von seinem damaligen Direktor Helmut Hagel begrüßt, und es genügte während der Vorstellung ein Blick in die gebannten Gesichter und strahlenden Kinderaugen, um festzustellen, wie sehr er die Zuhörerinnen und Zuhörer mit seiner Geschichte in den Bann zog. Gabi Kreslehner überzeugte die älteren Unterstufler mit ihrem einfühlsam-warmen Vortrag aus ihrem brillanten Roman Charlottes Traum, allein die oftmals als „grande dame“ der heimischen Kinder- und Jugendliteratur apostrophierte Renate Welsh (Johanna) verstand es nicht wirklich, die Jugendlichen mitzureißen - da sprang der Funke leider nicht über.

 

Mit einer Absage, diesmal von der Jungautorin Cornelia Travnicek, die sich lieber dem Abschluss ihres Studiums widmen wollte, musste ich auch bei der Organisation des Lesefestes 2015 kämpfen. Die Sache konnte durch die Aufteilung der Fünft- und Sechstklassler zu den anderen Gästen jedoch relativ leicht gelöst werden. Die eine Hälfte wurde von Robert Klement mitbetreut, dessen sozialkritische Bücher über Straßenkinder in Rio und Asylsuchende, die das Mittelmeer in kleinen und nicht gerade hochseetauglichen Booten zu überqueren versuchen (70 Meilen zum Paradies), sich mittlerweile wieder als besonders aktuell erweisen sollten. Den Schülerinnen und Schülern aus den 6. bis 8. Klassen stand eine wahre Bestsellerautorin gleich zwei kurzweilige Stunden lang (und im persönlichen Gespräch noch länger) Rede und Antwort: Vea Kaiser las aus ihrem großartigen Roman Blasmusikpop und plauderte anschließend lebhaft aus ihrem Leben als Schriftstellerin. Und auch unsere Jüngsten kamen nicht zu kurz: Der Kinderbuchautor Christoph Mauz las – eigentlich müsste man sagen: spielte – für sie aus seinen Büchern über Schrebergartenzombies und Flossen des Grauens: sehr lustig und gruselig zugleich.

 

Man soll aufhören, wenn etwas am Schönsten ist; so war mir schon seit längerem klar, dass es sich beim Lesefest am 28. Jänner 2016 um das (vorerst) letzte in dieser Gestaltungsweise handeln würde. Und tatsächlich war auch diesmal das Feedback rundweg positiv. Die Wiener Autorin und Kreativ-Trainerin Elfriede Wimmer besuchte die 1. und 2. Klassen und behandelte mit ihnen anhand ihrer Bücher Easy Tom und Raus bist du noch lange nicht das Thema Mobbing. Besonders die Zweitklassler waren so begeistert, dass sie ein Wiederkommen der Autorin im Rahmen eines Workshops im kommenden Schuljahr herbeiapplaudierten. Gabi Kreslehner, schon fast eine alte Bekannte beim Lesefest, besuchte drei Klassen. In den 3. und 4. Klassen las sie wie schon zwei Jahre zuvor aus ihrem preisgekrönten Jugendroman Charlottes Traum, in den 5. Klassen weckte eine Geschichte über den Ersten Weltkrieg das Interesse der Jugendlichen und so manche Überlegungen zu politischen Zusammenhängen.

 

Womit wir längst in der Oberstufe angelangt sind: Cornelia Travnicek hatte nach ihrer Absage 2015 für heuer zugesagt und gestaltete mit den 6. und 7. Klassen je eine Stunde zu ihrem Roman Chucks, wobei besonders die Tatsache, dass es sich bei ihr um eine sehr junge Autorin handelt, und ihre wahrlich beeindruckenden Dreadlocks im Mittelpunkt des Interesses so manches Burschen standen. Für die 8. Klassen schließlich hatten wir Maja Haderlap für eine Doppelstunde des Vorlesens und Diskutierens eingeladen, Bachmann-Preisträgerin und Autorin des tollen Romans Engel des Vergessens. Zur Vorbereitung hatte Kollegin Ferrari schon am 8. November eine Fahrt ins Akademietheater zur Aufführung der Bühnenadaption des Stoffes organisiert, nun standen Fragen zur Thematik der Kärntner Slowenen, dem Weg des Romans auf die Theaterbühne, den Abläufen und Gegebenheiten beim Bachmann-Wettbewerb sowie den persönlichen Schreibprozessen der Autorin im Fokus. Eine anspruchsvolle Diskussion zu ebensolcher Literatur, die auf gegenseitige Begeisterung stieß: So meinte etwa Jacqueline Perdula aus der 8c, dass dies die für sie bislang interessanteste Lesung gewesen sei, und die Autorin ihrerseits war voll des Lobes für die Informiertheit der Achtklassler und das hohe Niveau ihrer Fragen.

 

Für mich waren es fünf Events, deren Organisation zuweilen arbeitsintensiver als erwartet, die aber Gelegenheit boten, zum Teil faszinierende Persönlichkeiten live zu erleben und im einen oder anderen Fall sogar näher kennen zu lernen. Das abendliche Terrassengespräch mit Jutta Treiber, das Abendessen mit Christine Fehér – sehr nette Begegnungen. Für unsere Schülerinnen und Schüler, so hoffe ich, stand die Bibliothek zumindest für jeweils einen Tag im Mittelpunkt des schulischen Lebens; es ergaben sich für sie Einblicke in den Literaturbetrieb und vielleicht sogar der Ansporn, einmal selbst zur sprichwörtlichen Feder in modernerer Gewandung zu greifen. Ein Ausblick in die Zukunft sei mir noch gewährt: Im kommende Schuljahr wird es ein Lesefest der neuen Art geben, wobei statt des Anspruches, unbedingt jede Klasse einzubeziehen, der Charakter von kleineren Gruppen und Workshops im Vordergrund stehen wird und möglicherweise auch junge Schauspielerinnen und Schauspieler an der Schule zu Gast sein werden. Auch der Fokus auf die Werke von einstigen und jetzigen Lehrerinnen und Lehrern, Absolventinnen und Absolventen unserer Schule schwebt mir vor. Auf dass auf der Basis dieser soeben niedergeschriebenen theoretischen Überlegungen ein Schritt zu neuer Praxis getan werde.